Weinbau in den Abruzzen: Geologie, Klima und der Weg in die Moderne
Geologische Grundlagen: Vielfalt zwischen Kalk und Lehm
Die Abruzzen liegen am östlichen Rand der Apenninen und erstrecken sich bis zur Adriaküste. Die geologischen Bedingungen sind äußerst vielfältig. In den mittleren und höheren Lagen dominieren kalkhaltige Mergelböden, teils mit hohem Tonanteil, oft durchsetzt mit fossilen Meeresablagerungen. Diese Substrate stammen aus tertiären und quartären Sedimenten, die durch die Hebung der Apenninen gefaltet und an die Oberfläche gedrückt wurden.
Im Bereich der Colli Aprutini, um Teramo oder Loreto Aprutino, finden sich kalkhaltige Lehme auf marinen Untergründen, die besonders für Weißwein geeignet sind. Die südlicheren Hügelzonen um Chieti bieten hingegen schwerere Böden mit mehr Ton und eisenhaltigen Einschlüssen – dort gedeihen kräftigere Rotweine mit dichter Struktur.
Weinbauklima in den Abruzzen
Die klimatischen Bedingungen der Region sind von der Nähe zum Meer und den Bergen geprägt. Die Adriaküste bringt milde Winter und warme Sommer mit regelmäßiger Durchlüftung. Gleichzeitig sorgen die Höhenlagen – viele Weinberge liegen über 300 m – für deutliche Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht.
Die Kühle der Berge bringt Frische in die Weine
Diese thermischen Kontraste fördern eine langsame Reifung, die sich besonders positiv auf die Säurestabilität und Aromenausbildung der Trauben auswirkt. Früh einsetzende Abkühlung im Herbst und regelmäßige Winde reduzieren den Krankheitsdruck – ein wesentlicher Vorteil für biologisch oder naturnah arbeitende Betriebe.
Rebsorten: Autochthones und internationales Nebeneinander
Die Abruzzen verfügen über ein eigenständiges Rebsortenspektrum. Im Weißweinbereich prägen besonders zwei autochthone Sorten das Bild:
- Pecorino: eine früh reifende, säurestarke Rebe mit dichten Beerenhäuten und ausgeprägter Struktur. Besonders geeignet für höhere Lagen.
- Passerina: spät reifend, leicht im Alkohol, oft frisch und zurückhaltend, aber mit mineralischer Tiefe bei reduziertem Ertrag.
Hinzu kommt der aus Mittelitalien stammende Trebbiano Abruzzese, eine Variante des Trebbiano mit oft höherer Dichte als der toskanische Typ. Auch internationale Sorten wie Chardonnay oder Sauvignon Blanc werden angebaut, meist für Cuvées oder im Verschnitt mit lokalen Sorten. Bei den Rotweinen dominiert der Montepulciano – eine tiefdunkle, spätreifende Sorte mit hohem Gerbstoffgehalt und großem Lagerpotenzial. In Höhenlagen zeigt er Eleganz, in tieferen Zonen mehr Kraft.
Weinbaupraktiken im Wandel
Der Anbau erfolgt heute sowohl im traditionellen Einzelstock als auch in moderner Drahtrahmenerziehung, abhängig von Rebsorte, Lage und Betriebsphilosophie. In jüngerer Zeit setzen viele Winzer auf höhere Pflanzdichten, reduzierte Erträge und manuelle Laubarbeit zur Belichtung der Traubenzone.
Immer mehr Betriebe arbeiten biologisch oder nach den Prinzipien der integrierten Produktion. Begrünung, mechanische Bodenbearbeitung und der Verzicht auf systemische Pflanzenschutzmittel sind in den ambitionierten Weingütern verbreitet – besonders in den Hügellagen, wo die klimatischen Voraussetzungen eine solche Arbeitsweise unterstützen.
Neue Winzer, neue Wege
Der Strukturwandel, der in den 1990er-Jahren begann, trägt heute sichtbare Früchte. Junge Betriebe setzen auf eigenständige Weine, nutzen regionale Sorten bewusst und verzichten auf standardisierte Verfahren. Edelstahlvergärung bei Weißweinen, Ausbau auf der Feinhefe, Spontangärung, selektive Handlese – all das ist keine Seltenheit mehr, sondern Teil eines neuen Selbstverständnisses. Dabei steht nicht der Export im Vordergrund, sondern die Etablierung klarer regionaler Profile. Der Weinbau in den Abruzzen hat begonnen, sich vom Massenimage zu lösen – nicht durch große Marken, sondern durch viele kleine Stimmen mit klarem Fokus.
Die Abruzzen im Aufbruch
Die geologischen, klimatischen und kulturellen Voraussetzungen der Abruzzen bieten ideale Bedingungen für eigenständige, hochwertige Weine. Dass dieses Potential erst in den letzten Jahrzehnten erschlossen wird, liegt nicht an fehlender Eignung, sondern an der Plünderung der Region durch kriminelle Strukturen. Mafia und Politik lebten in einträglicher Symbiose auf Kosten auch der Winzer. Natürlich gab es immer wieder Versuche diese Traditionen zu brechen, doch die Argumente dagegen waren von hoher Durchschlagskraft.
Heute entstehen hier Weißweine mit Substanz, Rotweine mit Struktur und Tiefgang – und eine Weinkultur, die selbstbewusst handelt.